Interview mit Klaus “Auge” Augenthaler Teil1/2
„Der Straßenfussballer kann sich ja gar nicht entwickeln, weil du schon als junger Kerl in ein Schema gepresst wirst.“
Ein Interview mit dem ehemaligen FC Bayern Spieler und Weltmeister von 1990, Klaus Augenthaler:
Herr Augenthaler, wie schafft man es als junges Talent, sich im Haifischbecken Profifussball zu behaupten und sich schließlich durchzusetzen?
Damals gab es beim FC Bayern eine sogenannte Fohlenmannschaft, eine zweite junge Mannschaft. Wir waren froh, dass wir überhaupt mitlaufen durften. Manchmal konnten wir mit der ersten Mannschaft trainieren, wenn ein Spiel anstand, elf gegen elf. Bulle Roth oder Jupp Kapellmann, die haben mich aus den Schuhen rausgehauen. Und wir kamen vom Land und wollten keinem weh tun, wollten nicht anecken. Da hat Werner Olk (erster Bundesliga-Mannschaftskapitän des FC Bayern; Anm. der Red.) zu mir gesagt: „Junge, wenn du dich nicht wehrst kannst du gleich wieder nach Hause gehen.“ Dann hab ich die Ellbogen ausgepackt. Ich musste mir zwar am Anfang Einiges anhören. Die haben ja gesehen, dass da einer ein Talent hat und auf seiner Position spielt. Werner Olk war in dieser Zeit sehr wichtig: Lass dir auf dem Platz nichts ge-fallen. Also habe ich auch ausgeteilt. Ich musste kämpfen und zweimal besser sein als die anderen. Ich bin gelaufen ohne Ende. Das war lehrreich.
Franz Beckenbauer, Uli Hoeneß, Gerd Müller…große Namen und Sie als junger Spieler mit 19 aus Vilshofen – aufregend, oder?
Da erstarrst du am Anfang schon in Ehrfurcht. Ich kannte die ja nur vom Fernseher und auf einmal darfst du mit denen trainieren. Du bist sehr nervös und machst Fehler, die dir normal nie passierten. Aber das Talent wurde irgendwo erkannt und ich hab meinen Weg gemacht. Wobei man zurückblickend sagen muss, dass es nicht so einfach war. Ich kam ja als Bürokaufmann vom Land in einer Großstadt und wurde Profi. Plötzlich waren da Schulterklopfer und angebliche Freunde. Und natürlich habe ich Schwabing entdeckt. Ich wusste doch gar nicht was Schwabing eigentlich war. Alles war sehr verlockend und ich war erst 18. Zum Glück habe ich meine Frau kennengelernt, die mich dann fragte, ob ich denn Wirt in Schwabing oder Fussballprofi bleiben möchte. Da hat es Klick gemacht. Viele andere, die mit mir als junge Spieler zu den Bayern kamen, haben damals diesen Traum auf diese Weise über Bord geworfen. Deren Verträge wurden dann nicht verlängert und sie spielten in der Bayernliga weiter. Meine Frau war der Rückhalt und für den endgültigen Sprung sehr wichtig. Du brauchst Rückhalt. Für die jungen Spieler heute, die schon sehr viel verdienen, ist dies noch wichtiger.
Sie absolvierten insgesamt 404 Spiele in der Bundesliga – alle für den FC Bayern. Nie Lust gehabt mal den Verein zu wechseln oder ein anderes Land kennenzulernen?
Eigentlich nicht. Eigentlich deswegen, weil es die letzten Jahre am Ende meiner Karriere es nicht mehr so gepasst hatte. Es kamen Spieler, mit denen ich einfach nicht so konnte. Da hat mir Bayern angeboten, den Trainerschein zu machen und in den Trainerstab aufgenommen zu werden. Ich habe schon Angebote gehabt, nochmal für ein oder zwei Jahre in der Schweiz oder in der Türkei zu spielen. Aber du hast dir in Deutschland einen Namen erarbeitet und dann merkst du mit 34, dass die jungen Spieler mit 19 an dir vorbei rauschen. Da ist es egal, ob du in einer vermeintlich schwächeren Liga in der Schweiz oder in der Bundesliga spielst. Die überlaufen dich überall. Zudem war ich nach der WM 1990 sehr müde. Also habe ich mich für die Traineraufgabe und gegen einen Wechsel entschieden.
Und als junger Spieler gab es keine Angebote?
Ich habe eigentlich immer rot-weiß gedacht. Es gab keinen anderen Verein für mich. Selbst bei meiner ersten großen Verletzung 1985. Ich hatte eine Knorpel-Arthroskopie am Samstag und eine Woche später am Sonntag habe ich gegen Hamburg schon wieder gespielt. Ich war nur so dabei, ich war ja Kapitän. Da fragte mich Udo Lattek, ob ich mich nicht mal aufwärmen möchte. Ich spürte kaum was, also hab ich gespielt. Da waren noch die blauen Nähte drin. Meine Frau traute ihren Ohren nicht, als sie im Radio hörte, dass ich spiele. Das würde ich heute nicht mehr machen. Natürlich gab es irgendwann mal Angebote. Aber für mich gab es nichts anderes als den FC Bayern.
Sie spielten bis 1991 auf höchstem Niveau. Wurden 7x Deutscher Meister, 3x Pokalsieger. 1990 wurden Sie mit dem Weltmeistertitel belohnt. Sie spielten das Finale. Ihr größter Augenblick?
Glauben viele. 1990 war der Zusammenhalt in der Mannschaft toll. Von der Nummer 1 bis zur 23. In der Vorbereitung zur WM hatte ich große Probleme mit der Leiste und der Achillessehne. Ich trainierte immer unter großen Schmerzen. Bald habe ich zum Franz Beckenbauer gesagt, dass es nicht gehen würde. Er hat mich aber überredet, nochmal ein paar Tage abzuwarten. Und tatsächlich wurde es dann allmählich besser. Aber ich wollte hinschmeißen. Meine zweite Tochter wurde auch gerade geboren. Aber dann hat es doch geklappt, vom ersten Spiel an keine Schmerzen mehr. Ich spielte dann alle sieben Spiele. Es war eine schöne Weltmeisterschaft – das schon. Es hat doch keiner gedacht, dass wir Weltmeister werden. Aber viele Erinnerungen sind nicht geblieben. Im Finale wollte ich nur gewinnen, wie jedes andere Spiel auch. Natürlich hab ich vorher gedacht: Wenn ich schon mal hier bin, will ich auch Weltmeister werden. Nach dem Spiel liefen wir noch vier Ehrenrunden, dann kam in der Kabine der Bundeskanzler zu uns. Und als es richtig los ging, mussten Guido Buchwald und ich zur Dopingkontrolle. Vier Stunden. Als wir zurückkamen, waren die anderen voll wie eine Haubitze. Wir haben noch zwei oder drei Stunden mitgefeiert und das war es. Das ging alles so schnell. Daher nicht unbedingt mein größter Augenblick, weil ich nur wenige Erinnerungen daran habe. Viel mehr erinnere ich mich z.B. daran, als die Freiwillige Feuerwehr zu meinen Ehren mit ihrem ältesten Wagen zu mir kam. Mit einem Fass Bier dabei, welches wir dann vor unserem Haus gemeinsam getrunken haben. Das sind wunderschöne Momente, die für mich persönlich viel nachhaltiger sind als das Finale.
Wenn sie den heutigen mit dem Fussball zu Ihrer Zeit vergleichen – gibt es da was, was Sie vermissen?
Heute ist die Fluktuation enorm. Früher wusstest du, wer z.B. beim HSV gespielt hat. Sowohl die Namen als auch die Spielertypen. Heute musst du als Trainer oder auch als Spieler dich immer wieder neu informieren, weil ein Spieler schon nach einem halben Jahr wieder gewechselt hat. Zudem spielt der Kommerz heute natürlich eine große Rolle. Das muss man nicht hinter vorgehaltener Hand sagen. Es zählt nicht mehr der Verein. Wo kann ich am meisten verdienen, das ist das, was wichtig ist. Ganz klar, das Geld steht im Vordergrund.
Sind die Anforderungen an junge Spieler größer geworden?
Die jungen Spieler heute stehen schon in den Jugendleistungszentren im Fokus. Der Straßenfussballer kann sich ja gar nicht entwickeln, weil du schon als junger Kerl in ein Schema gepresst wirst. Die Ergebnisse müssen stimmen, so ist das heute. Wenn eine Jugendmannschaft 3:1 statt 13:1 gewinnt, dann sagt der Jugendleiter, dass das besser werden muss. Viele Jugendtrainer der Profivereine stellen zudem zu sehr sich selbst in den Vordergrund. Sie sehen den Job als Karrierechance. Eifersucht innerhalb der Trainer ist da vorprogrammiert. Und mittendrin die Kinder und Jugendlichen. Du brauchst eigentlich Trainer, die das Talent fördern, und nicht ihre eigene Karriere. Aufgrund dieses ergebnisorientierten Denkens werden die Kinder dann schon ganz früh in ein taktisches Schema reingedrückt. Individuelle Klasse wie bei Ribéry kann sich da nicht entwickeln. Die äußeren Umstände sind viel schwieriger geworden.






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