Schiri – wir wechseln!
In der ersten Halbzeit sind erst 20 Minuten gespielt. Das Spiel läuft ganz gut, aber noch steht es 0:0. Der Gegner ist zwar Tabellenletzter, aber irgendwie mag noch kein Tor gelingen, obwohl man eindeutig die bessere Mannschaft auf dem Feld ist. Der Gegner hat die letzten Spiele immer verloren, durchschnittlich mit 0:10. Je länger das Spiel dauert, desto nervöser werden die Eltern und vor Allem der Trainer. Durch Rufe wie „das gibt’s doch nicht, mach doch das Tor“ oder „jetzt wenn noch einer da hinten einen Fehlpass spielt“ setzt er seine Jungs noch mehr unter Druck. Diese Nervosität u?berträgt sich auf die Mannschaft und die Fehler häufen sich. Der Trainer wird immer ungeduldiger und langsam wu?tend. Dies kommt auch mehrmals lautstark zum Ausdruck. Dann 10 Minuten vor der Halbzeit passiert es. Ein schöner Pass auf den gegnerischen Angreifer und ein Missverständnis der Abwehr nach dem Motto „Nimm du ihn, ich hab ihn sicher“ und es steht 0:1 fu?r den Gegner. Beide Abwehrspieler liegen auf dem Rasen, da sie bei dieser Aktion aneinandergeprallt sind, und ärgern sich u?ber ihren Fehler. Den Trainer hält nichts mehr, ist außer sich vor Wut. „Schiri — wir wechseln“ ruft er noch vor dem Anstoß, wechselt beide Abwehrspieler sofort aus und redet mit den Spielern kein Wort mehr. Als er sie zur zweiten Halbzeit wieder einwechselt, da die zwei Ersatzspieler auch nicht die gewu?nschte Leistung erbracht haben, mag den beiden Jungs irgendwie nichts mehr gelingen. Die eigentlich sonst so sicheren Abwehrspezialisten verlieren viele Zweikämpfe und nach vorne spielen sie nur noch Fehlpässe. Die zwei Ersatzspieler kommen auch nicht mehr zum Zug und haben irgendwie keine Lust mehr. Das Spiel wurde mit 2:1 gewonnen, obwohl doch alle anderen Mannschaften so hoch gegen dieses Team gewonnen haben.
Bei der Entwicklung von Kindern und Jugendlichen im Fußballsport spielt nicht nur die sportliche Ausbildung eine wichtige Rolle. Auch die psychischen Komponenten nehmen eine herausragende Stellung ein. Denn ohne so wichtige Eigenschaften wie Selbstbewusstsein und Motivation nu?tzt es nichts, dass ein junger Spieler eigentlich gute Pässe spielen kann, sich im Zweikampf geschickt verhält oder mehrere Finten im Training perfekt beherrscht. Erst die oben genannten Fähigkeiten sorgen dafu?r, dass diese Dinge auch im Spiel angewandt werden. Und das obwohl plötzlich Gegner- und Zeitdruck auf die Spieler einwirken oder Eltern und Trainer lautstark von außen nervös mit fiebern und mit einem deutlich vernehmbaren „Pass auf“ oder „Schieeeß“ die Kinder zusätzlich unter Zugzwang bringen. Nur derjenige, der in solchen Situationen motiviert und v.a. selbstbewusst genug ist, wird in diesen Momenten „cool“ genug sein und sie erfolgreich meistern. Daher mu?ssen wir Trainer und Betreuer im Training und Wettkampf alles dafu?r tun, damit die Kinder mit Spaß und Freude bei der Sache sind und vor Allem im Spiel selbstbewusst auftreten. Nur so wird sich bei den Jungs und Mädchen langfristiger Erfolg einstellen. Einen wichtigen Beitrag dazu kann man als Verantwortlicher an der Seitenlinie mit richtigem Ein- und Auswechseln leisten. Wer sich als Trainer so verhält, wie in unserem Beispiel oben, nimmt den Kindern jegliches Selbstbewusstsein und die Freude am Fußballspielen. Die Folge wird sein, dass die Kinder die gleichen Fehler immer wieder machen werden, weil sie in diesen Situationen Angst haben, erneut zu versagen. Man darf einen Spieler nach einem evtl. auch schweren Fehler nicht sofort auswechseln. Erstens macht er diesen ja nicht absichtlich und zweitens weiß er es in der Regel selbst, dass es seine Schuld war, dass man das Gegentor bekommen hat. Das allein genu?gt „als Strafe“, eine Auswechslung raubt nur den Rest an Selbstbewusstsein. Es ist wichtig, diesen Spieler in diesem Moment aufzubauen. Ihn zu motivieren, dass „es nicht schlimm ist“, dass „sowas passiert“ und „Weiter geht´s“. Nur dann findet er zur gewohnten Stärke zuru?ck und wird langfristig der Abwehrspieler, wie man sich ihn als Trainer wu?nscht: einen selbstbewussten Spieler, der trotz hohen Gegnerdrucks fast alle Zweikämpfe gewinnt, gute Pässe nach vorne spielt und bei Ecken und Freistößen nicht nur in der Defensive ein Kopfballspezialist ist.






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