Grundprinzipien des Verteidigens (4) – Situatives Verteidigen
Das situative Verteidigen bildet, neben dem Pressing, dem Verschieben und dem Doppeln ein weiteres Mittel zur Verteidigung einer Fußballmannschaft. Der nachfolgende Artikel vermittelt das nötige Grundlagenwissen.
Gegner mit Rücken zum Tor verteidigen
Das Team muss lernen, die Verschiebebewegung so zu timen, dass bei einem Anspiel auf den Flügelspieler des Gegners, dieser mit Rücken zu unserem Tor in Ballbesitz kommt. Das Verteidigen des Gegners mit Rücken zum Tor ist immer einfacher, als wenn der Gegner sich dreht und Tempo aufnehmen kann. Je mehr Platz der Offensive bekommt, desto mehr Tempo kann er aufnehmen und desto schwieriger wird das Verteidigen.
Demnach muss der Außenverteidiger beim Anspiel etwa einen Meter an dem Gegner dran sein. Auf die Technik des Verteidigens wollen wir dabei später eingehen.
Rausrücken des Innenverteidigers
Hier haben wir einen sehr wichtigen Bestandteil des Verteidigens in der 4er Kette. Der zentrale Punkt ist, wie sich die Innenverteidiger verhalten, wenn sich der Stürmer kurz anbietet. Das Problem ist, dass durch das Rausrücken des Innenverteidigers nach vorne aus der Viererkette heraus ein Loch entsteht. Dies bietet dem anderen Stürmer den Raum für einen Gassenpass. Dieser kann selbst durch das Einschieben und Absichern der benachbarten Verteidiger nicht verhindert werden.
Rückt der Innenverteidiger mit dem Stürmer nicht raus, besteht die Gefahr, dass sich dieser drehen und frei auf die Viererkette zulaufen kann. Dies ist ebenfalls eine sehr bedrohliche Situation für unsere Viererkette. Daher bietet sich folgende Lösung an:
Es ist extrem wichtig, dass die 4er Kette stets versucht, den Abstand zum Mittelfeld gering zu halten. Dadurch erhält der Stürmer beim Anspiel weniger Raum. Zusätzlich muss der Innenverteidiger nicht soweit rausrücken, wodurch der Raum hinter sich nicht zu groß wird.
Unsere Philosophie beim Anspiel des Gegners in die Spitze:
Der Innenverteidiger sollte an der Körperhaltung des einspielenden Gegenspielers erkennen, ob dieser einen flachen Ball auf die Spitze spielen möchte oder eine andere Option wahrnimmt. Der Innenverteidiger muss demnach nur leicht aus der Kette rausrücken und erst beim Anspiel auf den Stürmer so weit rausrücken, dass dieser nicht drehen kann. Lässt sich der Stürmer weit ins Mittelfeld fallen, muss der Innenverteidiger ein Kommando an den 6er vor ihm geben. Der 6er verteidigt in diesem Moment in Unterzahl im Raum. Durch Einschieben und Doppeln der benachbarten Spieler wird der Raum um den Stürmer so gering, dass die vermeintliche Überzahl keine Auswirkung hat.
Merken die Innenverteidiger, dass der Abstand zum Mittelfeld zu groß ist und damit das Anspiel auf den Stürmer wahrscheinlich wird, so kann der Innenverteidiger die beiden 6er zurückrufen. Somit löst der Innenverteidiger die Viererkette nicht auf und die eigene Mannschaft steht im torgefährlichen Bereich stets kompakt.
Dieses Beispiel zeigt, dass die Innenverteidiger und 6er permanent im verbalen Austausch sein müssen um sich gegenseitig zu unterstützen.
Das Rausrücken des Innenverteidigers ist weiterhin von der gesamttaktischen Ausrichtung des Teams abhängig. Spielt die Mannschaft ein aggressives Forechecking so ist es unabdingbar, dass der Innenverteidiger mit dem Stürmer mitgeht. Ansonsten kann der Druck auf den Ball durch einen Pass verpuffen. Damit sind viele Spieler durch einen Pass ausgespielt und die Gefahr eines Konters ist noch größer.
Einschieben beim Spielaufbau – Vorbereiten der Defensive
Schon während des Spielaufbaus ist es wichtig sich auf einen Ballverlust vorzubereiten. Hier gilt folgende Regel: Je tiefer der Ball in den gegnerischen Abwehrverbund eingespielt wird, desto enger ist der Raum und desto wahrscheinlicher ist ein Ballverlust. Nun gilt es, den Raum in der Defensive schnellst möglich eng zu machen, um den Ball zurückzuerobern und den Abwehrverbund kompakt zu bekommen.
Sobald der Außenverteidiger den Ball auf den offensiven Mittelfeldspieler spielt und dieser nach vorne dreht um eine offensive Aktion zu starten, muss der ballferne Außenverteidiger bereits einrücken, um im Fall eines Ballverlustes schnell die Ballseite engmachen zu können. Auch die Innenverteidiger sollten enger an die Stürmer heranrücken. So dass diese bei Ballverlust keinen Platz haben sich zu drehen. Dreht der Mittelfeldspieler nach hinten ab, lassen sich die Verteidiger schnellst möglich wieder fallen, um Anspielmöglichkeiten bieten zu können. Die Verteidiger müssen lernen zu erkennen, wann ein Ballverlust bevorsteht und wann der Raum geöffnet werden muss. Auch die 6er sollten sich entsprechend postieren, um Druck auf den Ball ausüben zu können.
Ein offensives Eins gegen Eins wäre eine Situation mit sehr wahrscheinlichem Ballverlust. Hat der Offensive hingegen überhaupt keinen Gegnerdruck muss der Raum komplett geöffnet werden. Hier gilt es, die Spieler auf diese Verhaltensweisen zu sensibilisieren.
Verhalten der Innenverteidiger bei Flügelangriff
Hier gehen wir davon aus, dass sich der gegnerische offensive Mittelfeldspieler auf dem Flügel im Ballbesitz befindet und damit die Gefahr einer Flanke in den 16er besteht. In diesem Fall kann der Innenverteidiger stets im Zentrum bleiben, um den torgefährlichen Bereich optimal abdecken zu können.
Rückt der Innenverteidiger auf den Flügel raus, um den Außenverteidiger abzusichern, gibt er das Zentrum auf.
Statistisch werden mehr Tore durch Flanken erzielt als durch ein verlorenes Duell des Offensiven gegen den Außenverteidiger. Erst wenn der Offensive sich gegen den Außenverteidiger durchgesetzt hat und in den 16er eindringt muss er durch den Innenverteidiger gestellt werden. In dieser Zeit haben die beiden 6er Zeit das Zentrum zu sichern.
Verhalten der 4er Kette bei freiem Angriff auf die Kette
Um das Verhalten zu erklären, gehen wir davon aus, dass sich ein Mittelfeldspieler drehen konnte und nun frei auf unsere 4er Kette zudribbeln kann. Ein Konter wäre eine passende Situation hierfür.
Die Viererkette weicht im besten Fall nun nach hinten. Die Außenverteidiger schieben nach innen, um den Raum im Zentrum möglichst eng zu gestalten. Entscheidend ist, dass die Passwege zwischen den Verteidigern sehr eng sind und damit Gassenpässe ausgeschlossen werden können.
Jedoch darf die Kette nicht so eng zusammenrücken, dass ein Außenspieler bei einem Anspiel einen direkten Weg zum Tor erhält.
Der Vorteil des Fallenlassens ist, dass der Raum zwischen 4er Kette und Torwart geringer wird und damit die Wahrscheinlichkeit eines erfolgreichen Gassenpasses reduziert wird.
Etwa 20 Meter vor dem Tor muss der Ballführende vom jeweiligen Abwehrspieler gestellt und nach außen gelenkt werden. Das macht den Angreifer langsamer und lenkt ihn aus dem torgefährlichen Bereich nach außen. Durch das Verzögern des Angriffes haben alle anderen Mitspieler die Möglichkeit hinter den Ball zu kommen.
David Niedermeier





Was meinst Du dazu?
Felix schrieb am 22. Dezember 2011 um 13:59 Uhr:
Hallo David!
Ich habe eine Frage zum Einschieben beim Spielaufbau – Vorbereiten der Defensive.
Auf eurer Taktikdvd empfiehlst du, dass der ballferne Offensive Flügelspieler ins Zentrum einrücken soll, sobald der andere Flügelspieler eine offensivaktion startet. (defensive vorbereiten und Torgefahr ausstrahlen).
Im Text oben erwähnst du ,nur’ den ballfernen Aussenverteidiger.
Meine Frage: wann soll/muss der ballferne Offensive Flügelspieler einrücken? (unabhängig von offensivspielzügen)? Ist es nicht wichtig Breite im Spiel zu halten? Würden man es dem Gegner nicht viel einfacher zum verteidigen machen?
Sollte der ballferne Flügelspieler nicht erst einrücken, wenn kein Diagonalball/spielverlagerung mehr möglich ist bzw. klar zur Grundlinie durchgebrochen wird?
Und zuletzt: bei angriffen durchs Zentrum 10er am Ball wie bereiten wir hier die defensive vor?
Vielen dank im Voraus David und nochmal ein Lob für die toll aufgenommen DVDs!
Schöne Weihnachtstage!
Felix